Budapest – Eisernes Tor

12.09.2011 - 22.09.2011

Es wird „östlich“: Von Budapest bis zum Eisernen Tor

Ohne Probleme mit dem Großstadtverkehr zu bekommen, verlassen wir Budapest und befinden uns bald wieder auf den gewohnt kleinen Straßen, die uns durch nette Dörfer führen. Hitze, viele Maisfelder und Einsamkeit prägen die letzten Etappen in Ungarn. Andere Radtouristen sehen wir so gut wie gar nicht mehr, doch noch immer ist der Donauradweg beschildert. Wir radeln meist bis zum späten Nachmittag und suchen uns  dann ein Hotel. Der „Feierabend“ beginnt immer mit einem kühlen Bier, noch bevor wir uns unter die Dusche begeben.  Manchmal müssen wir noch Wäsche waschen und diese dann im Zimmer oder auf dem Balkon zum Trocken aufhängen. Spätestens jetzt meldet sich der Hunger, wir suchen ein Restaurant und lassen dort den Tag ausklingen. Obwohl sich nun ein wenig Routine eingestellt hat, gefällt uns diese Art zu Reisen immer noch recht gut.


Post in Ungarn

Obststand schon in Serbien

Wir verlassen die EU und reisen bei Backi Breg nach Serbien ein. Schon der sehr kleine Grenzübergang mit den gelangweilten Beamten lässt erahnen, dass nun ein neuer Reiseabschnitt beginnt. Landschaftlich ändert sich erst mal nichts, es bleibt flach mit viel Landwirtschaft. Auffallend sind die vielen betagten Fahrzeuge. Ob alte Yugos oder schwarz qualmende LKW, die Euro-Norm liegt  im tiefen Minusbereich. Gut, dass wir weiterhin auf sehr kleinen, einsamen Straßen unterwegs sind und so diesen Fahrzeugen nur selten begegnen. Der Eurovelo 6 ist perfekt ausgeschildert und führt nun über einen Donaudamm durch ein Naturschutzgebiet. Schon bald können wir oben auf dem Damm nicht mehr fahren, da wir tief in den Sand einsinken, den schwere Holztransporter aufgewühlt haben. Wieso werden eigentlich in einem Naturschutzgebiet alte Bäume abgeholzt? Ein wenig fühlen wir uns in die Urwälder am Amazonas versetzt, auch die Hitze würde dazu passen.
Langsam und schwitzend schaffen wir es wieder auf bessere Straßen zu gelangen und erreichen die Stadt Apatin. Dort finden wir auch gleich ein Hotel, das aber leider kein Zimmer frei hat. Da es sonst keine Unterkunft zu geben scheint, fragt Silvia einen Polizisten. Der überlegt kurz und schlägt dann vor:

>>Ja, es gibt ein Hotel. Das liegt aber etwas versteckt außerhalb, doch wenn ihr wollt, dann fahre ich mit dem Polizeiwagen voraus<<

Gerne. Wir treten kräftig in die Pedale und folgen dem blauen Polizeiwagen, der an Kreuzungen immer wieder auf uns wartet. Der freundliche Beamte stoppt vor einem riesigen Gebäude, unserem Ziel. Wir bedanken uns herzlich. Beim Abschied hat er noch eine Bitte:

>>Erzählt daheim in Deutschland wie hilfreich die serbische Polizei ist.<<

In der riesigen Rezeption wird uns ein Zimmer zugeteilt, das sich in einem anderen Gebäudetrakt befindet. Dort werden wir von einer streng dreinblickenden Stationskraft in Empfang genommen. Die ganze Anlage strahlt einen sozialistischen Charme aus und irgend etwas stimmt nicht. Viele Gäste gehen auf Krücken, die Angestellten tragen weiße Kittel. Unsere Vermutung wird zur Gewissheit: Wir sind in einer Reha-Klinik gelandet. Egal, wir nehmen es mit Humor und nehmen unser Abendessen im kahlen Speisesaal ein, wo uns die Ober mit stählernen Servierwagen das Essen an den Tisch bringen.

Der Eurovelo 6 verläuft auf einsamen Straßen entlang der Donau. Oft passieren wir riesige Maisfelder , auf denen die Ernte gerade in vollem Gange ist. Diese erfolgt mit Maschinen, die bei uns in den 70er Jahren im Einsatz waren. Bauernhöfe, wie wir sie kennen, gibt es nicht, Basis für die Landwirtschaft sind die großen Produktionsgesellschaften, die aber alle schon bessere Zeiten gesehen haben.


Verfallen: Landwirtschaftliche Produktionsgesellschaft

Idyllische Rast an der Donau

Wir radeln durch die moderne Stadt Novi Sad und nähern uns dann Serbiens Hauptstadt Belgrad. Vor der haben wir etwas Angst. Kommen wir da unbeschadet mit unseren Rädern durch? Werden wir von einem LKW überrollt oder im Smog ersticken? Glücklicherweise ist Samstag und da herrscht relativ wenig Verkehr, somit ist alles halb so schlimm. Unten an der Donau ist es sogar richtig nett.


Zufälliges Treffen mit Radlern aus Innsbruck

Dort gibt es viele Kneipen, wo man draußen sitzen kann. In einer von ihnen sind schon zwei österreichische Fernradler, zu denen wir uns an den Tisch setzen. Nach etwas fachsimpeln, einer Pizza und ein paar Bier geht es weiter. Der Donauradweg ist auch in Belgrad beschildert, jedoch verläuft er kreuz und quer durch die Stadt. So lernen wir zwar die Sehenswürdigkeiten kennen, müssen aber einiges an Umweg und Steigungen in Kauf nehmen. Dann stehen wir vor der Donaubrücke, die für Radfahrer wegen des Verkehrs so fürchterlich sein soll. Doch am Wochenende ist es auch hier eher harmlos, so dass wir das andere Ufer unbeschadet erreichen und Belgrad hinter uns lassen.

Ein paar Kilometer hinter Bela Crkva verlassen wir zunächst Serbien und reisen wieder in die EU, nach Rumänien, ein. In einem Naturschutzgebiet radeln wir im Wald einen Pass hinauf. Ein Blick auf die Karte zeigt, dass es sich bei diesen Bergen um die Ausläufer der Karpaten handelt. Als es wieder hinunter zur Donau geht, empfängt uns starker Gegenwind. Der wird so schlimm, dass wir nicht mehr die Spur halten können und auch im kleinsten Gang kaum vorankommen. Eins ist klar: Im nächsten Dorf müssen wir die heutige Etappe beenden. Etwas ratlos stehen wir im kleinen Dorf Macesti. Wo sollen wir hier unterkommen? Mit Händen und Füßen fragen wir eine ältere Frau, die auch gleich eine Lösung hat. Sie scheint jemanden zu kennen, der Zimmer vermietet und fordert uns auf, mit ihr mitzukommen. Je weiter wir uns von der Hauptstraße entfernen, desto „ursprünglicher“ wird es. Die Wege sind nicht mehr geteert und holprig. Da spricht uns ein junger Mann in gutem Deutsch an:

>>Sucht ihr eine Unterkunft? Es ist besser, nicht mit dieser Frau mit zu gehen. Das Zimmer, das sie euch zeigen will, entspricht sicherlich nicht eueren Vorstellungen. Ich kenne da etwas Besseres.<<

Er stellt sich als Andre vor.

>>Ich arbeite in Deutschland und mache gerade Urlaub in meinem Heimatdorf<<

Wir bedanken uns uns bei der Frau und sind froh, ihre Dienste nicht in Anspruch nehmen zu müssen. Andre bringt uns zu einer nahe gelegenen Pension, die – gemessen an der Ortschaft – sogar ganz nett ist.


Strandpromenade von Moldova Veche

Hoffentlich trocknet es bis morgen!

Am Nachmittag holt uns Andre ab und wir fahren mit dem Auto in die nahegelegene Stadt Moldova Veche.

>>Früher war es ganz schlimm, aber nun sieht man, wie die Stadt Fortschritte macht<<

Ja, das muss schrecklich gewesen sein, denn auch jetzt ist die Stadt alles andere als schön. Gut, ein LIDL hat sich angesiedelt, aber sonst trüben bröselnde Betonbauten, viel Müll (der ist allerdings seit Serbien ein Problem), streunende Hunde und der Qualm aus den wenigen verbliebenen Industriebauten das Bild. Auch das Restaurant, in das uns Andre führt, hätten wir ohne ihn nicht betreten. Immerhin, das Essen schmeckt recht gut.

Der heftige Gegenwind wird von Wolken und sogar Regen abgelöst. Ausgerechnet vor einem landschaftlichen Highlight unserer Tour, das Eiserne Tor! Werden nun Wolken und Nebel den Blick auf den spektakulären Donaudurchbruch verdecken?
Als wir wieder in die Pedale treten, ist die Straße fast trocken und einen Tag später, genau zum richtigen Zeitpunkt scheint die Sonne wieder. So können wir die Landschaft beim Kloster Mraconia und dem Steinmonument Decebal voll genießen. In so einer schönen Gegend hat sich auch etwas Tourismus entwickeln können. Die vielen Hotels und Restaurants strahlen eine fast mediterrane Atmosphäre aus. Bei einer Pension mit besonders schöner Terrasse werden wir schwach und beenden die Tagesetappe früher als geplant. Es ist einfach zu verlockend, jetzt kühles Bier zu trinken und sich auf ein stimmungsvolles Abendessen zu freuen.

Beim Blick auf unsere Übersichtskarte sehen wir nun einen deutlichen Fortschritt: Etwa die Hälfte der Strecke bis zum Donaudelta ist geschafft. Beide sind wir uns einig, dass wir es nun wissen wollen.

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