Finnland – Norwegen

17.06.2012 - 04.07.2012

Finnische Freiheit inmitten von Wäldern und Seen

Vom Deck der „Superstar“ ist im Norden die Küstenlinie von Finnland zu erkennen. Sieht man genau hin, so entdeckt man  viele kleine Inseln mit runden Felsen: Die Schären.
Nur etwa zwei Stunden benötigen die Fähren für die Strecke von Tallinn nach Helsinki. Dennoch ist diese Passage für uns der Beginn eines neuen Reiseabschnitts. Eigentlich wollten wir den erst im August beginnen und vorher die Reise für ein paar Wochen unterbrechen. Wegen der damit verbundenen hohen Flug- und Unterstellkosten haben wir uns um entschieden: Noch keineswegs reisemüde werden wir Mückenschwärme und Touristensaison in Kauf nehmen und die Reise direkt fortsetzen.


Felsenkirche Helsinki

In Helsinki stehen wir am ruhigen Zooparkplatz etwas außerhalb. Da wir nun keine Fahrräder mehr zur Verfügung haben, nehmen wir den Zoobus, um ins Zentrum zu gelangen. Dort besichtigen wir viele der üblichen Sehenswürdigkeiten wie den Marktplatz, die Festungsinsel Suomenlinna, den monumentalen Bahnhof oder den Dom. Ganz besonders gefällt uns eine Kirche, die in den nackten Fels gesprengt ist. Der rund angelegte Andachtsraum ist von oben in ein mystisches Licht getaucht.

>>Macht zwölf Euro<<

freundlich lächelnd reicht uns die Verkäuferin in den traditionellen Markthallen einen Rentierkebab, den wir uns nun teilen wollen. Als Langzeitreisende müssen wir immer einen Blick auf die Preise haben. Neidisch schielen wir auf vorbei schlendernde Touristen, die genüsslich an ihrem Eis schlecken, für das sie 3,20 Euro die Kugel bezahlt haben. Wir bleiben tapfer. Doch beim Rentierkebab „100% Finnland“ da siegte der Hunger. Jetzt bereuen wir unseren Kaufrausch, denn das Rentierfleisch ist nur eine geschickt drapierte Deko. Der Rest besteht aus einer undefinierten Hackfleischmasse, die immerhin unseren Hunger ein wenig stillt. Doch das Abendessen kochen wir angesichts dieser Preise und Qualität lieber selbst.
Von Helsinki reisen wir östlich, entlang der Ostsee in Richtung russische Grenze. Erstmals seit Prag rollen wir wieder auf einer richtigen Autobahn. In diesem noch relativ dicht besiedelte Gebiet geht es immer wieder durch riesige Wälder mit runden Granitblöcken. Eine nette Abwechslung ist das Städtchen Porvoo mit den romantischen Holzhäusern.

Picknickplatz

Der finnische Picknickplatz ist weit mehr als eine Sitzgelegenheit mit Papierkorb.
Er befindet sich immer idyllisch an einem See oder Fluss und ist je nach Gebiet zu Fuß oder auch mit dem Fahrzeug erreichbar. Der Standardplatz hat Tisch und Bänke, eine Feuerstelle mit Grillrost, Schutzhütte (in der Luxusvariante mit Kamin), Trockentoilette sowie eine Hütte für das trockene Holz. Eine Axt und Grillgabeln sind immer vorhanden, meist auch Holzanzünder.
Klar, dass diese kostenlosen Plätze von den Finnen gerne genutzt werden: Der Jogger macht sich ein Feuerchen um die Mücken zu vertreiben. Die wandernde Familie bereitet sich ihren Kaffee in einer rußigen Kanne. Ein Pärchen grillt sich auf die Schnelle Würstchen zum Abendessen. Aber auch mehrtägiges Zelten ist an diesen Plätzen verbreitet. Da man sich einfach ans Feuer setzt, auch wenn schon jemand da ist, sind sind Picknickplätze auch ein guter Ort, um Kontakte zu bekommen.

Endlose LKW-Schlangen weisen uns darauf hin, dass wir nun unmittelbar an der russischen Grenze sind. Doch die ist nicht unser Ziel, kurz vorher biegen wir nach Norden auf die „Via Karelia“ ab. Nun wird es noch einsamer, wir fahren durch scheinbar unendliche Birken- und Kiefernwälder und passieren die finnische Seenplatte mit den unzähligen kleinen und großen Seen.

Wir genießen unsere große Freiheit: Mehrere Tage können wir ohne Strom, Lebensmittelversorgung und Wasser auskommen. Da es in Finnland auch unkompliziert ist, einen schönen kostenlosen Stellplatz (z. B. Picknickplatz , siehe Kasten) zu finden, können wir bleiben wo wir wollen. Auch zeitlich sind wir unabhängig, da es nun nicht mehr dunkel wird.

Diese Art der Freiheit bedeutet aber auch Einsamkeit. Tagelang haben wir nur uns gegenseitig als Gesprächspartner, da werden die Themen schon mal knapp.


Sandschloss

Leiden wir unter dieser Einsamkeit? Was machen wir nun so den ganzen Tag? Wird es uns nicht fad?
Nein, jedoch kommen wir zur Ruhe und genießen die Natur. Außerdem gibt es ja einiges zu besichtigen: Schöne Holzkirchen zum Beispiel oder das Sandschloss von Lappeenranta, wo 180 LKW-Ladungen Sand zu wahren Kunstwerken modelliert wurden.

Vor allem in den Nationalparks unternehmen wir ausgedehnte Tageswanderungen. Die Wege dort sind bestens präpariert und führen zu den landschaftlichen Highlights, was in Finnland Seen, Moore, Stromschnellen und kleine, steinige Berge (bis 600m) sind.

Ein Wort noch zur Tierwelt: In den Nationalparks sollen ja Wölfe und Bären leben. Die Chancen eines dieser Tiere zu sehen, gehen aber gegen Null. Doch wenigstens ein Elch, der wäre schon nett gewesen. Statt dessen müssen wir uns mit Stechmücken begnügen, die aber bisher nicht ganz so lästig wie befürchtet sind. Vielleicht ist es ihnen zu kalt? Jedenfalls haben wir mit OFF Mückenschutzmittel und moskitodichter Kleidung draußen und zusätzlichem Moskitonetz drinnen die Biester ganz gut unter Kontrolle.


Der hohe Norden mit kahlen Bergen…

…und Rentierherden

Unsere Tagesetappen sind nun ein wenig länger geworden, so dass wir nach zwei Wochen in Finnland bei Karhujärvi den Polarkreis überschreiten. So richtig arktisch wirkt es aber trotz der kühlen Temperaturen nicht. Immer noch wachsen hohe Kiefern und Birken und an einigen Stellen wird sogar Ackerbau betrieben. Nur Rentierherden und kahle Felshügel weisen auf den hohen Norden hin.

Das Mankei im kalten Polar

Der blaue Toyota Landcruiser mit der Aufschrift „Alemania“ stoppt direkt hinter uns. Silvia blickt aus dem Fenster:

>>Ich geh mal raus, das könnten interessante Leute sein<<

Kurze Zeit später kommen wir mit den Deutschen Sigi und Uschi, die tatsächlich schon die Panamericana gefahren sind, ins Gespräch. Wir vereinbaren ein Treffen auf einem Campingplatz am Inarisee. Dort sitzen wir einen Tag später im Schein der ewigen Sonne und erzählen von vergangenen Amerikareisen. Gleich nebenan bepacken Angler ihre Boote für mehrtägige Exkursionen. Mit Uschi hat Silvia endlich jemanden gefunden, der mit ihr eine finnische Sauna besucht. Währenddessen kümmern sich Sigi und ich um unsere Rotweinvorräte, die ja nach Norwegen nicht in beliebiger Menge eingeführt werden dürfen…

Diesmal ändert sich mit dem Grenzübertritt in das „Nicht EU-Land“ Norwegen auch die Umgebung. Die flache Seenlandschaft mit den Mooren und Birkenwäldern weicht einer gebirgigen Tundra mit nur spärlicher Vegetation. Dann taucht auch schon der erste Fjord mit bunten „Ikea-Häusern“ auf.

Auf der einspurigen Stichstraße fahren wir inmitten bizarrer Felsen, immer am Meer entlang, nach Hamningberg. Dort wo die Straße endet, eignet sich der Strand ideal zum Campen. Während Rentierherden um unser Wohnmobil ziehen, bereiten wir die selbst gesammelten Muscheln zu. Aus dem Fenster beobachten wir Möwen, die Seeigel auf die Felsen fallen lassen, um die Schale dieser Tiere zu brechen.


Hamningberg…

…ideal zum Campen am Eismeer

Am folgenden Tag rollt der Toyota von Sigi und Uschi an den Strand. Jetzt ist auch noch für nette Unterhaltung gesorgt!

Bei recht gutem Wetter unternehmen wir in der arktischen Gegend ausgiebige Spaziergänge. Neben vielen Seevögeln beobachten wir einen kleinen Wal, der in der Bucht taucht. Verstreut in der Graslandschaft liegen zahlreiche, bereits mumifizierte Lemminge. Welche Tragödie hat sich da abgespielt?
Versteckt hinter ein paar Steinen entdecken wir ein völlig verängstigtes Mankei. Ich hebe das zitternde Tierchen hoch. Es beruhigt sich ein wenig und will von nun an bei uns bleiben.

>>Aber wir reisen nach Afrika, dort ist es heiß und gefährlich<<

Doch das scheint dem Mankei egal zu sein, es will nur eins: Weg von hier.

>>Gut Mankei, dann bist du ab jetzt unser neuer Reisegefährte<<

Wir machen gleich ein paar Fotos von unserem neuen Freund.


Überall tote Lemminge…

… plötzlich zwischen Steinen ein völlig verängstigtes Mankei

Sigi hat das Ganze beobachtet und steigt neugierig aus dem Toyota. Erschrocken fällt das Mankei in eine Starre.

>>Was fotografiert ihr denn hier? Ah, einen Kauz? Nein, das ist ja ein Murmeltier!<<

>>Ja Sigi, das ist ein Murmeltier, ein Mankei wie wir in Bayern sagen. Es ist unser neuer Reisebegleiter, der mit uns nach Afrika fährt.<<

>>Na wartet, euch krieg ich auch noch. Bald wäre ich darauf reingefallen.<<

Ungläubig kehrt Sigi wieder in den warmen Toyota zurück. Wenn der wüsste!

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