Iran-Mitte

23.10.2014 - 08.11.2014

Zurück in den Iran

Haben wir das alles geträumt? Waren wir wirklich in Deutschland und haben Silvias Vater beerdigt, seine Wohnung leergeräumt? Es wirkt so strange wieder zurück in Van im Wohnmobil zu sein. Von den Kurdenprotesten, vor denen wir vor zwei Wochen beinahe geflohen wären, ist nichts mehr zu sehen.

Mit einem frischen Iranvisum, das wir im Konsulat in München in nur einem Tag bekommen hatten, fahren wir zur iranischen Grenze nach Kapikoy. Das Landschaftsbild hat sich mittlerweile geändert. Aus dem verbrannten Gras des letzten Sommers beginnt frisches Grün zu sprießen, die Berggipfel sind verschneit. Ganz oben auf dem Pass, auf 2200m Höhe liegen sogar ein paar Schneereste neben der Straße.

Wir sind kurz vor vier Uhr am Grenzzaun. Das Tor ist schon versperrt, doch ein türkisches Grenzer schließt uns noch auf. In der Rekordzeit von weniger als einer halben Stunde sind wir im Iran eingereist. So schnell kann es gehen, wenn die Beamten Feierabend machen wollen! Bezahlt haben wir auch diesmal nichts. Allerdings wird es nun bald dunkel, es wird Zeit einen Übernachtungsplatz zu finden. An einem Fluss, nicht weit von einem Dorf entfernt, schlagen wir unser Camp auf. Das Abendessen brutzelt gerade in der Pfanne, als wir Besuch von der Polizei bekommen. Einer der Uniformierten hat eine Maschinenpistole im Anschlag. Anscheinend gibt es ein Problem, hier zu bleiben.

>>Please go<<

Da er sich nicht sicher ist, ob ich sein schlechtes Englisch richtig verstanden habe, wählt er eine Nummer auf dem Handy und reicht mir das Gerät:  Eine Stimme in besserem Englisch fordert:

>>You can not camp here, you should go to the next city<<

Na bravo! Ganz langsam fahren wir bei Dunkelheit die schlechte Straße nach Khoy. Jetzt bloß kein Schlagloch, ein unbeleuchtetes Auto oder eine Kuh übersehen. Es geht alles gut und wir verbringen unsere erste Nacht im Iran wenig idyllisch an einer Tankstelle neben der Hauptstraße.

Da wir den Norden des Iran ja schon gesehen haben und es hier allmählich empfindlich kalt wird, fahren wir zügig in Richtung Südosten. Nur in Tabriz legen wir einen Versorgungsstopp ein und in Soltaniye besichtigen wir das Grabmal eines Herrschers aus dem 14. Jahrhundert. Teheran umfahren wir großzügig auf der Autobahn, lassen die Smogglocke schnell hinter uns. Die Landschaft wird immer karger, wir erreichen die großen Wüstengebiete des Iran.


Mausoleum in Soltaniye

Begegnung auf der Autobahn

Wüstentage

Geschafft kommen wir in Kashan an. Mein Rücken schmerzt. Die langen Tagesetappen von Van bis hierher, sowie der Stress der letzten Wochen fordern ihren Tribut. Es ist höchste Zeit für einige ruhige Tage. Von nun an wollen wir wieder zu unserem „normalen“ Reisetempo zurückfinden. In Kashan besichtigen wir noch eine lauschige Gartenanlage, dann geht es ab in die Wüste, genauer gesagt in die Dasht-e Kavir. Eine Piste führt uns zu den Sanddünen bei Marenjab. Hier haben wir erstmals näheren Kontakt mit Kamelen und filmen, wie diese manchmal arrogant wirkenden Tiere getränkt werden.


Kamele (links und rechts)

Entspannen in der Wüste

Am Fuße einer größeren Sanddüne genießen wir die Einsamkeit. Wir sitzen tagsüber faul in der Sonne oder wandern durch die weite Dünenlandschaft mit herrlichen Ausblicken auf den Salzsee. Silvia kann das ohne ihr Kopftuch tun, hier gibt es keine Sittenpolizei. Abends machen wir ein Lagerfeuer und grillen Lammfleisch. Allmählich verschwindet die Anspannung der letzten Tage, meine Rückenschmerzen gleich mit. Doch am Wochenende, das hier am Donnerstag und Freitag stattfindet, ist es dann vorbei mit der Ruhe. Aus Kashan und Teheran rücken die Wochenendausflügler mit Autos und Bussen an. Mit dabei sind Buggys, Jeeps und Quads, mit denen über die Dünen geheizt wird. Entgegen dem Touristenstrom fahren wir zurück nach Kashan, wo wir eines der sehr empfehlenswerten historischen Bürgerhäuser besichtigen. Unglaublich in welchem Luxus diese Kaufleute in ihren reich verzierten Palästen gelebt haben!


Luxus pur:

Historische Bürgerhäuser in Kashan

Ankunft in Isfahan

Isfahan ist DAS touristische Highlight im Iran. Nirgendwo sonst gibt es so prächtige Moscheen und Paläste wie hier um den Platz Meydan-e Imam. Wir freuen uns auf diese Stadt. Direkt im Zentrum soll es einen Parkplatz geben auf dem man nicht nur gut übernachten kann, sondern der auch als Treffpunkt für Overlander gilt. Bei einbrechender Dunkelheit und leichtem Regen finden wir diesen Parkplatz auf Anhieb, dummerweise ist er aber geschlossen. Also aktivieren wir Plan B und fahren zu einem anderen Parkplatz, der uns aber überhaupt nicht gefällt. Aber wir haben ja noch Plan C das „Tourist Inn“ etwas außerhalb. Müde von der langen Fahrt, bei Regen und Dunkelheit wollen wir dort hin. Plötzlich kracht es seitlich, ein Auto hat uns gestreift. Wir halten an, sofort sind viele Leute um uns herum. Vom PKW hängt der Blinker weg und eine der vielen Dellen stammt wohl von uns. Ich kontrolliere unser Fahrzeug, kann jedoch keinen Schaden finden. Es wird debattiert, ob die Polizei verständigt werden soll. Plötzlich fordern uns alle auf, weiter zu fahren und auch ein englisch sprechender Mann ruft:

>>Ok, you can go<<

Noch mal Glück gehabt!

Da uns das Tourist Inn nicht gefällt, ziehen wir am nächsten Morgen um auf einen großen Parkplatz bei einer Seilbahn. Hier ist unsere Basis für die nächsten Tage. Die Aussicht ist gut, ein Wächter kommt regelmäßig mit dem Moped vorbei und mit dem Taxi sind wir in einer halben Stunde im Zentrum.

Beim Betreten des Imam Platzes sind wir überwältigt: So stellt man sich den Zauber des Orients vor! Um den riesigen Platz mit den Springbrunnen reihen sich Moscheen, Paläste und Arkaden. Zwei Tage haben wir nun Zeit diese und andere Sehenswürdigkeiten zu besichtigen, danach sind wegen des Höhepunkts des Ashourafestes alle Geschäfte, Paläste und Museen geschlossen. Doch gerade auch diese Feierlichkeiten machen für uns den Aufenthalt zu einem außerordentlichen Erlebnis.


Überwältigend:

Der Imam Platz in Isfahan

Ashoura

Im Trauermonat Ashoura wird der Tod von Imam Hussain in der Schlacht von Kerbala betrauert. Schon seit mehreren Tagen hören wir jeden Abend die Trauerandachten, die oft durch rhythmisches Trommeln begleitet werden. Überall sieht man schwarze Trauerbeflaggung, riesige kitschig romantische Heiligenbilder und fromme Sprüche. An zwei Tagen, an denen das öffentliche Leben stillsteht, findet das Trauern dann seinen Höhepunkt. Wir sehen mehrfach Leute, denen die Tränen in den Augen stehen vor Rührung.

Am ersten Tag zeigt sich der Imam Platz noch ziemlich leer. Die Leute trauern und gehen in die Moscheen zum Beten. Ein freundlicher Mann erklärt uns alles und nimmt uns auch mit in die Imam-Moschee. Silvia nimmt den Fraueneingang mit einer eigenen Betreuerin und ich gehe mit unserem Begleiter zu den Männern. Im schwarz verhängten Gebetsraum hält ein Geistlicher eine Ansprache. Als besonderes „Zuckerl“ erreicht mein Begleiter, dass ich exklusiv den prächtigen Teil der Moschee besichtigen darf, der heute eigentlich geschlossen ist. Was sehr irritierend ist, ist dass im Innern der Moschee Bilder von Soldaten mit Maschinengewehren zu sehen sind. Ein Zeichen dafür, dass die islamische Religion doch für Politik und Propagandazwecke missbraucht wird. Auch draußen ist auf riesigen Plakaten „Down with USA“ und „Down with Israel“ zu lesen. Diese Bilder sind dann im westlichen Fernsehen zu sehen und so entsteht der Ruf der Iraner als Terroristen. Eine Einschätzung, die die Iraner entsetzt von sich weisen und die so auch nicht stimmt.


Üble Propaganda beim Trauerfest

Touristeninfo in der Moschee

In einer anderen Moschee ist extra ein Raum eingerichtet, in dem wir westliche Touristen über den Islam und das Ashourafest informiert werden. Ein Filmteam ist gerade hier und dokumentiert das Geschehen. Wir werden zu einem Interview gebeten. Wir sagen zu und bekommen zur Belohnung eine exklusive Führung in die Moschee, die auch geschlossen ist heute. In einem reich verzierten Gang der Moschee werden dann Tisch und Stühle aufgebaut, Scheinwerfer montiert sowie Tontechnik und Kameras installiert. Auf englisch beantworten wir die Fragen des Moderators, der sich besonders für unsere Weltreise und unsere Meinung zum Iran interessiert. Im Anschluss an das Interview wird uns ein Essen versprochen, das aber so lange auf sich warten lässt, dass wir uns dann lieber verabschieden. Doch auch draußen bleiben wir hungrig. Die kostenlose Essensausgabe anlässlich Ashoura ist mittlerweile beendet und alle Restaurants sind geschlossen. Deshalb fahren wir zum Wohnmobil zurück und sind dort froh um unsere Bordküche.

Am zweiten Tag ist der Imam Platz wie verwandelt. Zwar ist immer noch alles geschlossen, doch unzählige schwarz gekleidete Gruppen bevölkern den Platz. Überall hören wir ohrenbetäubendes Getrommel, Lautsprecher verstärken die Trauergesänge. Die Gruppen formieren sich zu einer Prozession. Handelt es sich um eine Männertruppe, so geißeln sich deren Mitglieder im Rhythmus der Musik. Dies ist jedoch mehr symbolisch, Blut fließt dabei nicht.

Die Moscheeleute von gestern erkennen uns wieder und wir werden aufgefordert, uns einer „Touristengruppe“ anzuschließen. Ok, warum nicht? Wir bekommen ein rotes „Oh Hussain“ Stirnband verpasst und reihen uns dann in die Prozession ein. Außer uns sind noch ein paar weitere Touris in der Gruppe. Einem Asiaten hat man ein Fähnchen „Down with USA“ gegeben, das er brav in der Hand hält. Auch in unserer Gruppe sind Trommler und Sänger. Immer wieder werden wir animiert, uns mit der Hand auf die Schulter zu schlagen. Als wir uns der Haupttribüne nähern, wird uns zunehmend unwohl. Ständig werden wir fotografiert und gefilmt. Was ist, wenn man uns filmt wie wir mit unserem „Oh Hussain“ Stirnband an Islamisten vorbeimarschieren, die ein Schild „Down with USA“ in der Hand halten. Was, wenn uns die Gesichtserkennung der NSA erfasst? Werden wir dann als Terroristen gespeichert? Die Sittenpolizei nimmt uns die Entscheidung ab, ob wir weiter mit marschieren sollen: Silvia wird von einer Polizistin rausgewunken, da sie mit ihrem grünen Kopftuch anscheinend nicht angemessen gekleidet ist. Ich gehe mit ihr, auch wenn unser Gruppenführer dies unbedingt verhindern will.


Viel fotografiert: Unsere Touristenprozession

Selbstgeisselung

Wir fotografieren und filmen nun das Ereignis aus der Distanz. Mit dem Ruf des Imam gegen Mittag ist die Feier zu Ende. Die Prozessionen lösen sich auf, die schwarz gekleideten Männer und Frauen strömen zur Moschee.

Weiter nach Yazd

Nach den spannenden Tagen in Isfahan gönnen wir uns ein wenig Ruhe und Erholung in der Wüste und fahren dann weiter nach Yazd. Das Wahrzeichen dieser Stadt sind Lehmbauten und die traditionellen Kühltürme, die für eine umweltfreundliche Temperierung der Räume in den heißen Sommermonaten sorgen. Im Moment ist dies nicht nötig, im Gegenteil, es ist bitter kalt. Nachts sinken die Temperaturen auf unter null Grad und auch tagsüber sind wir mit der Jacke unterwegs. Wir campen auf dem Parkplatz des „Silk Route Hotel“, einem Treffpunkt für Traveller. Erstmals seit langer Zeit treffen wir wieder auf andere Overlander, so dass sich nette Kontakte ergeben. Die meisten wollen weiter nach Indien, doch zwei Schweizer mit einem Landrover haben ähnliche Pläne wie wir. Vielleicht können wir ja mal ein Stück gemeinsam fahren?

Neben viel Ratschen versäumen wir es auch nicht durch die engen, verwinkelten Gassen zu schlendern und den Flair dieser ruhigen Stadt mit den Lehmhäusern zu genießen.


Overlandertreff beim …

… Silk Road Hotel

 

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