Iran-Norden

28.09.2014 - 09.10.2014

Ankunft im Iran

Über eine baumlose, vertrocknete Berglandschaft mit vielen Schafen und Ziegen nähern wir uns der iranischen Grenze bei Kapikoy. Die türkische Abfertigung erfolgt zwar langsam. jedoch freundlich und korrekt. Dann öffnet sich das schwere Eisentor und wir sind im Iran. Zwei Soldaten werfen einen ersten Blick in unsere Pässe, dann heißt es

>>Welcome to Iran<<

Diesen Gruß werden wir in den nächsten Tagen noch oft hören. Ein Helfer führt uns zu diversen Schaltern, wo es Unterschriften und Stempel auf den Laufzettel, das Carnet de Passage und die Pässe gibt. Nach etwas über zwei Stunden sind wir in den Iran eingereist. Ohne Dieselsteuer oder sonstige Schikanen. Bezahlt haben wir nur 1,50€ für unseren Helfer.

Auf der kleinen Landstraße bleibt es zunächst idyllisch, doch das ändert sich, als wir bei Khoy auf die Hauptstraße treffen. Uralte Rundhauber-LKW blasen schwarze Dieselwolken in die Luft, bei den Überholmanövern wird vor allem auf Allahs Schutz vertraut, die Hupe kommt häufig zum Einsatz. Das System an den Kreisverkehren haben wir noch nicht durchschaut. es gibt wohl keine Regeln, trotzdem funktioniert alles irgendwie fließend. Diesel gibt es nicht an allen Tankstellen, nur dort, wo auch die großen LKW tanken. Vor allem in Grenznähe ist Treibstoff gerne mal ausverkauft. Wir steuern trotzdem eine Tanke an und bekommen dort auf die Tankkarte eines anderen Fahrers immerhin fünfzig Liter in den Tank. Ich reiche dem Tankwart 200.000 Rial, das sind umgerechnet 5 €. So macht Tanken wieder Spaß!

Die nun flache Landschaft ist dicht besiedelt, Schilder sind für uns oft unlesbar, da nur in Farsi beschriftet, aber die großen Städte sind auch fürs uns lesbar angeschrieben. Am Straßenrand sind Sonnenblumenkerne zum Trocknen ausgelegt. Der starke, warme Wind wirbelt den Staub aus der Ebene auf und sorgt zusammen mit der tief stehenden Sonne für eine surrealistische Stimmung. Kurz bevor es dunkel wird, erreichen wir unser erstes Ziel im Iran, die Stadt Tabriz.

Tabriz

Wir parken Benito am großen Parkplatz des El Goli Parks, der am Rand der Millionenstadt Tabriz liegt. Zu unserer Überraschung stehen hier noch drei weitere Wohnmobile aus Deutschland. Auch Heidi und Dieter, die Indienfahrer aus Dougubayazit, treffen später noch ein. Der El Goli-Park ist nicht nur ein beliebtes Ausflugsziel mit Freizeitpark und vielen Restaurants für die Tabrizer Bürger, vor allem am Morgen wird er gerne für den Frühsport genutzt. Unsere Wohnmobile werden mit großer Neugier betrachtet und immer wieder werden wir mit „Welcome to Iran“ begrüßt. Viele sprechen uns auf englisch an, es ergeben sich nette Gespräche. Wir fragen Behruz, einen junger Iraner, der hier jeden Tag zum joggen herkommt.

>>Wo können wir hier Geld wechseln?<<

>>Das ist kein Problem, ich fahr euch einfach mit meinem Auto zu einer Wechselstube<<

Behrouz freut sich, uns helfen zu können und nimmt es in Kauf, dass er zu spät zur Arbeit kommt. Er will kein Geld für seine Hilfe nehmen und als wir ihm eine Tafel deutsche Schokolade schenken, lädt er uns zum Mittagessen in ein typisches Kebablokal ein. Dabei lernen wir auch ein paar seiner Freunde kennen. Diese lustige Clique, wir nennen sie die „Jungs“, besucht uns auch in den nächsten Tagen jeden Morgen. Sie machen kein Geheimnis daraus, dass sie mit ihrer Regierung sehr unzufrieden sind und alle wünschen sich denSchah zurück.


Unser Parkplatz im El Goli …

… die Jungs kommen gerne zu Besuch

Mit dem Taxi gelangen wir sehr günstig ins Zentrum von Tabriz. Neben der Blauen Moschee begeistert uns dort vor allem der Basar, der als der größte überdachte Basar weltweit gilt. Doch nicht nur die Größe, vor allem seine Ursprünglichkeit macht den besonderen Reiz aus. In den alten Gewölben sind Handwerker, Lebensmittelgeschäfte und Teppichläden angesiedelt. Hier spüren wir den Zauber aus 1001 Nacht. Besonders urig ist es, als wir von einer Wasserpfeife rauchenden Männerrunde zum Tee eingeladen werden. Da gibt es viel zu lachen und alle hätten es gerne gesehen, wenn ich auch eine Pfeife mit ihnen geraucht hätte.


Teppichbasar in Tabriz

Auch Silvia wird in der Männerrunde akzeptiert

Zum Abschied treffen wir uns mit allen Jungs nochmal im Wohnmobil, wo sie uns ein sentimentales, persisches Lied singen. Good bye, wir werden Euch und Tabriz in bester Erinnerung behalten.

Der rote Faden

Es geht weiter zur nächsten Attraktion des Iran, den Höhlen von Kandovar. Die ausgehöhlten Tuffsteine erinnern uns ein wenig an Kappadokien in der Türkei. Nur ist hier alles viel, viel überschaubarer. Nach einem einstündigen Spaziergang ist alles gesehen.

Am nächsten Morgen startet ein langer Fahrtag durch ein eher hässliche, dicht besiedelte Gegend mit zerfallenen oder halbfertigen Betonbauten. Das schlechte Wetter läßt alles noch trostloser wirken. Erst kurz vor Takht-e Soleiman werden sowohl die Landschaft als auch das Wetter schöner. Auf kleinen Straßen fahren wir nun durch das bergige Kurdengebiet. Hier ist es so einsam, dass wir nachts sogar die Wölfe heulen hören.

Takht-e Soleiman, eine Festung in deren Mitte ein warmer Kratersee ist, hat es auf die Liste der Weltkulturerbe geschafft.  Die Anlage besteht aus Ruinen, die auch von deutschen Archäologen restauriert wurden. Sehr stimmungsvoll, auch weil wir, außer einer Studentengruppe aus Teheran, ganz alleine sind.


Die Kultstätte …

… Takht-e Soleiman

Wir bleiben im Norden des Iran und fahren in die karge Hochgebirgslandschaft hinter Zanjan. Die Gegend hier gefällt uns, doch wir sind bedrückt. Irgendwie scheint seit ein paar Tagen der Faden gerissen zu sein: Eine Serie von kleinen Pannen (wie der mehrmalige Ausfall der Solaranlage oder dass 2 Pushlocks kurz  hintereinander ihren Geist aufgeben) nervt. Zwar können wir alles reparieren, aber trotzdem. Dann löst sich auch noch ein Goldinlay aus Silvias Zahn – ob das an der Schotterpiste gelegen hat oder an den Gummibären? Das Schlimmste aber ist, dass wir besorgniserregende Nachrichten über den Gesundheitszustand von Silvias Vater erhalten. Das alles belastet, wir haben keine rechte Freude an der schönen Landschaft.

Iranische Gastfreundschaft

Etwa eine Woche sind wir nun im Iran unterwegs und sind begeistert von der Gastfreundschaft der Iraner. Der heutige Tag toppt nochmals alles:
Wir fahren auf der Autobahnausfahrt Qazvin ab, denn in dieser Stadt wollen wir einen Zahnarzt finden, der Silvias Inlay repariert. Als wir an der Mautstelle bezahlen wollen, winkt uns der Kassierer freundlich lächelnd durch:

>>No money, welcome to Iran<<


Qazvin

In Qazvin parken wir Benito an einer Moschee und fahren mit dem Taxi ins Zentrum. Die Dame von der Touristeninfo vereinbart für uns einen Termin mit einem Zahnarzt. Bis dahin bleibt noch Zeit für eine Stadtbesichtigung. Im Basar zeigt uns ein Teppichhändler sein Geschäft. Der will uns bestimmt etwas verkaufen. Tatsächlich drückt er mir einen kleinen Teppich in die Hand:

>>Nein, ich weiß nicht, was soll der denn kosten?<<

>>Der ist ein Geschenk, der kostet nichts. Ich will, dass ihr den Iran und Qazvin in guter Erinnerung behaltet<<

>>Danke! Das wäre wirklich nicht nötig gewesen! Vielen Dank!!!<<

Mit der Adresse des Zahnarztes auf einem Zettel ziehen wir los, doch es ist unmöglich die Praxis zu finden, da alle Schilder auf persisch sind. Deshalb zeigt Silvia den Zettel einer Passantin, die uns bis zur Praxistüre begleitet. Dort winkt uns gleich der englisch sprechende Zahnarzt ins Behandlungszimmer. Während er das Inlay einzementiert, fragt er sehr interessiert nach unserer Reise und erzählt ein wenig über den Iran. Auch er hätte lieber den Schah zurück. Nach einer halben Stunde ist er fertig.

>>Wo können wir für die Behandlung zahlen?<<

>>Nein, nein, ihr braucht nichts zu bezahlen. Ihr seid Gäste im Iran.<<

Außerdem überreicht es uns noch seine Visitenkarte: wenn wir Probleme irgendwo im Land hätten, sollten wir uns bei ihm melden. Überwältigt von so viel Gastfreundschaft fahren wir im Taxi zurück zum Wohnmobil und verbringen zunächst ein ruhige Nacht bis uns das Handy aus dem Schlaf schreckt…

Reiseunterbrechung

>>Ihr Vater ist soeben gestorben<<

Nach dieser Nachricht des Pflegers aus dem Altenheim ist es mit der Nachtruhe vorbei. Schon die letzten Tage haben wir darüber gesprochen, was wir in so einem Falle tun wollen: Da wir unser Fahrzeug aus zollrechtlichen Gründen nicht im Iran lassen können, bringen wir es zurück in die Osttürkei. Dort kann man es beim Zoll abmelden und anschließend den Heimflug organisieren.

Genau so machen wir es nun und starten im Morgengrauen in Richtung Türkei. Dank der guten Autobahn schaffen wir es bis zum Abend die 700 km bis zur Grenze zurückzulegen. Die Abfertigungen am folgenden Tag dauern bis Mittag, trotzdem hoffen wir die 100 Kilometer bis Van noch noch zu schaffen, bevor der Zoll zumacht. Doch schon nach einigen Kilometern, beim Ort Öz Alp scheint es ein Problem zu geben. Fahrzeuge warten am Straßenrand und einige Leute deuten uns, ebenfalls anzuhalten. Was ist hier los? Ein Unfall?
Ein Hubschrauber der Armee steigt auf, unten im Ort brennt es, die Straße ist blockiert. Wir sind in eine Auseinandersetzung zwischen Kurden und der türkischen Polizei geraten. Ungläubig sehen wir wie die Menschenmenge ein gepanzertes Fahrzeug mit Steinen bewirft. Dieses weicht zurück und wartet auf die Verstärkung die kurze Zeit später in Form von Schützenpanzern eintrifft. Mit Tränengas und Schüssen wird nun die Menge auseinander getrieben. Der Rauch steigt bis zu uns hoch, wir weichen etwas weiter zurück. Ein Passant erzählt etwas von 28 Toten in Van (was wohl nicht gestimmt hat). Nach einer Weile hat die Polizei die Lage unter Kontrolle und Räumfahrzeuge machen die Straße frei. Es geht weiter. Der Einsatzleiter hält uns an und fragt auf englisch, was wir hier machen:

>>Seid ihr Globetrotter?<<

>>Ja<<

>>Ihr habt gesehen, hier ist ein gefährliches Gebiet. Es ist nicht verboten hier zu sein, aber ich rate Euch DRINGEND das Kurdengebiet zu verlassen.<<

Wir sind geschockt und schauen auf der Landkarte wie wir am schnellsten hier weg kommen und von wo wir dann heim fliegen können. Sogar eine Rückkehr nach Griechenland ist kurz im Gespräch. Wir entscheiden uns für die Stadt Trabzon am Schwarzen Meer. Vorbei an Van, wo ebenfalls Straßenkämpfe zu sehen sind, machen wir uns auf den über 800 km langen Weg. Doch nach einer Stunde halten wir an:

>>Wenn wir jetzt hier schon kneifen, wie wollen wir dann nach Afrika?<<

Beide sind wir uns einig: Wir gehen das Risiko ein und fahren zurück nach Van. Dort sehen wir weiter.


Zurück in Richtung Türkei …

… wo wir Benito am Flughafenparkplatz in Van abstellen

In Van erreichen wir den sicheren Flughafenparkplatz, der sich auch zum Übernachten gut eignet. Bei Einbruch der Dunkelheit sind immer noch Schüsse zu hören, ein Panzer patroulliert um das Flughafengelände. Dazu der Ruf des Muezzin. Nach den anstrengenden und nervenaufreibenden Stunden der letzten Tage sind wir geplättet und schlafen trotz dieser Umstände bald ein.

Zwei Tage später sitzen wir im Flugzeug nach Istanbul. Schon gestern war von den Unruhen nichts mehr zu spüren und wir konnten die Zollangelegenheit und die Flugbuchung in Ruhe erledigen. Benito lassen wir am Flughafenparkplatz stehen. Nun erwarten uns anstrengende Tage zu Hause. Wir müssen die Beerdigung von Silvias Vater organisieren und seine Wohnung räumen. In all die Aufregung mischt sich die Zuversicht, dass wir in zwei bis drei Wochen die Reise fortsetzen können.

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