Süd-Äthiopien

10.06.2015 - 22.06.2015

Arba Minch

Zwei Tage benötigen wir vom Awassa Nationalpark ins weiter südliche gelegene Arba Minch. Wir erreichen nun langsam den südlichen Teil Äthiopiens, der sich durch die vielen unterschiedlichen Stämme vom Rest Äthiopiens unterscheidet. So überholen wir u.a. eine endlose Karawane mit schwer beladenen Eselskarren. Frauen in bunter Kleidung und Männern mit lustigen Hüten winken uns zu. Alle sind wohl unterwegs zum nächstgelegenen Markt.

In der Stadt Arba Minch gönnen wir uns ein paar Ruhetage im schönen Garten der Swaney Lodge. Wir parken an einer Abbruchkante mit Blick hinunter auf die Wälder und Seen des Nechisar Nationalparks. Im angeschlossenen Restaurant lassen wir uns mit gutem Essen verwöhnen. Draußen auf der Terrasse sitzt es sich besonders nett, doch als eine Horde Paviane kommt, müssen wir ins Innere flüchten. Die Tiere sind so aggressiv, dass sie uns glatt das Essen vom Teller gerissen hätten. Im Restaurant sind die Fenster geschlossen, doch ein Pavianmännchen nutzt einen Spalt in der Türe, öffnet diese und stürmt ins Lokal. Mit Stöcken gelingt es dem Personal, den Eindringling zu vertreiben.

Den Nationalpark besuchen wir dann doch nicht, wie eigentlich geplant. Am Vortag ist ein heftiges Gewitter niedergegangen, so dass die Lehmstraßen im Park aufgeweicht sind. Da hätten wir mit den Reifen von Benito keine Chance. Ein Besuch mit einem Geländewagen oder Boot ist uns angesichts der wenigen Wildtiere im Park zu teuer.


Schöner Stellplatz …

… mit Blick auf den Nationalpark

Auch zu Hause im Bayerischen Wald hat ein Gewitter für ungewöhnlich starke Regenfälle gesorgt. So heftig, dass Wasser in den Keller und in unsere Wohnung gelaufen ist. Unser Nachbar hat uns gerade eine Email mit dieser Nachricht geschickt. 50 cm hoch soll das Wasser gestanden haben. Das darf doch nicht wahr sein, müssen wir schon wieder überstürzt heim reisen??? Ein Telefonat mit dem Nachbarn sorgt dann für ein wenig Entwarnung. Anscheinend ist es in unserer Wohnung nicht so schlimm. Deshalb entscheiden wir uns dann doch, wie geplant weiterzureisen. Eine vorzeitige Rückkehr würde auch wegen der dann rückwirkend fälligen Krankenkassenbeiträge viel Geld kosten. Geld, das wir für die Renovierung verwenden können.

In einem Dorf der Konso

Eine ganz neue Erfahrung in Äthiopien: Fahrzeuge gibt es ja eh wenige auf den Straßen, aber hier sind selbst die Fußgänger und Esel selten geworden. Dennoch sind wir nicht in der Wildnis, sondern in einer Kulturlandschaft, in der jeder Quadratmeter für den Anbau von Mais und Hirse genutzt wird. Wir sind im Gebiet der Konso, einem Volk das für seinen kunstvollen Ackerbau auf Terrassenfeldern berühmt ist.

In der Stadt Konso bleiben wir in der „Strawberry Fields Lodge“. Der freundliche Manager empfiehlt uns einen Markt in einem Dorf etwas oberhalb. Dort soll es noch sehr ursprünglich sein. Tatsächlich erleben wir einen buntes, lebendiges Treiben, doch die Zeiten, in denen die Konso in ihren traditionellen Trachten aus Ziegenfell erschienen sind, gehören auch hier der Vergangenheit an.


Wir parken Benito vor dem Zaun …

… und gehen zusammen mit dem Führer ins Dorf

Am nächsten Tag besuchen wir zusammen mit einem Führer ein Dorf der Konso, das ziemlich abseits liegt. Über einen Feldweg erreichen wir einen Palisadenzaun, vor dem wir parken. Unter den staunenden Blicken von vielen Kindern und einigen Erwachsenen gehen wir durchs Dorf. Auch wenn die Bewohner keine traditionellen Trachten mehr tragen, sondern ein Fußballtrikot schicker finden, ist es sehr ursprünglich. Wir sehen kaum Gegenstände der modernen Zivilisation. Die Häuser haben Strohdächer, es gibt Tanzplätze, Versammlungsräume, kultische Holzstelen, aber keinen Strom. Unser Führer, der selbst aus der Nähe des Dorfes stammt, erzählt uns viel Wissenswertes. Die Dorfbewohner sind freundlich und zurückhaltend. Wegen der aufgeblähten Bäuche vieler Kinder vermuten wir, dass sie unter Mangelernährung leiden. Etwa zwei Stunden bleiben wir im Dorf und dürfen gegen etwas Geld auch einen Blick in das Innere eines der Gehöfte werfen.


Bunter Markt bei Konso

„New York“

Zum Abschluss zeigt uns der Führer noch „New York“, eine rötliche Erosionslandschaft, ein paar Kilometer weiter. Sie erinnert ein wenig an den Bryce Canyon in den USA. Mehrere Jugendliche bieten sich als Aufpasser an. Ich wähle den kräftigsten aus. Der nimmt seinen neuen Job gleich ernst und hält die anderen auf Distanz. Benito ist somit gut bewacht und wir können einen kleinen Spaziergang in der bizarren Landschaft unternehmen.

Camping bei den Mursi

>>Die Tour zu den Mursi führt durch den Mago Nationalpark hinunter ins Omo-Valley. Dort werden wir ein Dorf besuchen, wohin nur ganz selten Touristen kommen. Die Pisten unten sind schwierig zu befahren. Da es geregnet hat, werden wir mit Schlamm zu kämpfen haben. Ich glaube nicht, dass wir das mit eurem Truck schaffen. Es ist besser, wir nehmen einen robusten Landcruiser. Kostet nur 120 Dollar am Tag, der Fahrer ist schon inbegriffen.<<

Andu, der Leiter des Touristoffice in Jinka, wurde uns von Freunden (shumba.eu) empfohlen. Zusammen mit ihm sitzen wir im Restaurant des Jinka Resorts und planen eine zweitägige Exkursion zum Stamm der Mursi. Wir stimmen Andu zu, dass es angesichts der matschigen Straßen besser ist, einen Geländewagen zu mieten. Als die Tour geplant ist, suchen wir unsere Campingausrüstung zusammen und rüsten uns für den nächsten Tag.

Von Jinka aus fahren wir durch die Berge hinunter zum Mago Nationalpark. Am unscheinbaren Gate steigt ein bewaffneter „Scout“ zu uns ins Auto. Zu fünft durchqueren wir den Park. Es regnet aus grauen Wolken, die Gräser und Büsche sind sattgrün. Außer ein paar Pavianen sehen wir leider keine Tiere. Andu erklärt:

>>Um diese Jahreszeit ist praktisch kein Wild zu sehen. Später, wenn es trocken ist, kann man gelegentlich Elefanten beobachten. Doch auch die sind selten, denn die Wilderei ist leider immer noch ein Problem im Park.<<

 


Ein Scout steigt vor dem Nationalpark zu

Im Geländewagen durch den Busch

Die Piste führt über einen Hügel ins Tal des Flusses Omo. Nun haben wir das Gebiet der Mursi erreicht. Es bleibt bewölkt, doch die Temperaturen steigen merklich. Akazienbäume dominieren jetzt die dünn besiedelte Landschaft. Dazwischen Grasland sowie vereinzelt Mais und Hirsefelder. Gelegentlich sehen wir auch Mursihirten in traditioneller Kleidung. Auf der guten Schotterstraße hätten wir auch problemlos mit Benito fahren können. Doch dann biegt unser Fahrer in den Busch ab. Hier sind keine Fahrzeugspuren mehr zu sehen. Die Stollenreifen wühlen sich durch den lehmigen Untergrund. Unter diesen Bedingungen wären wir mit unserem Wohnmobil nicht weit gekommen.

Wir erreichen die Mursisiedlung, in der Andu, unser Führer, bekannt ist. Mehrere Hütten sind weiträumig in der Savanne verteilt. Eine alte Frau und ein paar Kinder eilen herbei. Die Unterlippe der Frau weist Deformierungen auf. In jungen Jahren setzen sich die Mursifrauen sogenannte Teller in ihre Lippen ein. Die Lippe wird dazu aufgeschnitten und mit immer größeren Platten aus Lehm langsam ausgeweitet. Eine schmerzhafte Prozedur. Im Alter verzichtet man auf das Einsetzen der Teller und die Lippe bildet sich wieder zurück.
Andu, der die Sprache der Mursi spricht, unterhält sich mit der Frau und übersetzt für uns:

>>Die Frauen sind gerade unten bei den Felder, die Männer mit den Rindern unterwegs. Wir können eine kleine Wanderung unternehmen und die Frauen besuchen.<<

Zusammen mit Andu und dem Scout gehen wir los. Die spärlich bekleideten Frauen sind erstaunt, uns hier zu sehen, doch sie hatten wohl schon öfter Kontakt mit Touristen. Jedenfalls bestehen sie gleich darauf, für jedes Foto 5 Birr (=25 Cent) zu kassieren. Sonst sind die Frauen und Kinder aber zurückhaltend und wir können sie bei der Arbeit beobachten. Maiskolben werden geerntet und anschließend gekocht oder geröstet. Was nicht gleich benötigt wird, lagert man in Hütten auf Stelzen. Eine Frau zerstampft den Mais und formt daraus Bällchen, die in einem Topf gekocht werden.

>>Die Frau macht das traditionelle Bier der Mursi<<

Wir sind froh, unseren Führer Andu dabei zu haben, der die Mursi sehr gut kennt und uns alles bestens erklärt.


Frauensache: Maisernte …

… und Bierbrauen

Wir gehen zurück ins Dorf und bauen dort unser Zelt auf. Am späten Nachmittag kehren erst die Frauen von den Feldern und dann die Männer mit den Rindern heim. In den Strohhütten herrscht nun Leben, überall steigt Rauch auf.

Während die Frauen zunächst eher zurückhaltend sind, begrüßen uns die Männer. Stolze, muskulöse, spärlich bekleidete Typen, die alle eine Kalschnikow tragen. Eines der wenigen Zugeständnisse (außer den Birr fürs Fotografieren) an die Zivilisation. Andu verteilt Kautabak und erklärt den Leuten, wer wir sind und warum wir hier sind. Keiner der Mursi spricht englisch. Die Männer sind neugierig, ohne aber aufdringlich zu sein.


Unser Führer Andu und der Scout

Mursi

Wir sammeln Holz für ein Feuer, eine Frau bringt uns Glut zum Anzünden. Silvia kocht in unserem Hordentopf eine ordentliche Portion Spaghetti. Außer uns müssen wir noch den Guide, den Fahrer und den Scout verköstigen. Trotzdem bleibt einiges übrig, doch die Jungs und Männer der Mursi sind dankbare Abnehmer. Zusammen mit ein paar Mursi Männern sitzen wir in der Dunkelheit um unser Feuer. Später, als wir uns ins Zelt zurückgezogen haben, lausche ich noch eine Weile den fremden Geräuschen. Auf all unseren Reisen haben wir eine derartige Ursprünglichkeit bisher noch nicht erlebt.


So frühstücken die Mursi …

… und so wir

Im Morgengrauen wachen wir vom Muhen der Rinder auf. Wir kriechen aus dem Zelt und können die Mursi beim Frühstück beobachten: Mit Hilfe eines Pfeils wird ausgewählten Rindern Blut abgenommen. Dieses wird sofort mit Milch vermischt, gerührt und gleich getrunken. Wir bleiben bei Brot, Honig und Tee. Danach ist eine kleine Photosession angesagt. Die Frauen legen hierzu ihre Teller in die Lippen und die Männer bemalen ihre nackten Oberkörper. Etwas, das sonst nur zu den Zeremonien üblich ist. Wir bezahlen für die Fotos und bereiten dann unseren Aufbruch vor. Auch die Mursi kehren wieder zu ihren üblichen Tagesbeschäftigungen zurück.

Nachdenklich holpern wir auf bekannter Strecke wieder nach Jinka. Wir sind uns der Einmaligkeit dieses Erlebnisses bewusst. Mit Andu unserem Führer sind wir einer Meinung, dass diese Lebensform bald zu Ende gehen wird. Unweit von Dorf und Nationalpark entsteht gerade eine große Zuckerfabrik. Man will den Omo aufstauen und riesige Zuckerrohrplantagen anlegen. Das wird viele Leute anziehen, für die Mursi bleibt dann kein wohl Platz mehr.

Auf dem Hamer-Markt

Je näher wir Turmi kommen, desto wärmer wird es, das Äthiopische Hochland liegt nun hinter uns. Die Gegend ist nicht mehr so fruchtbar, statt Felder sehen wir nun viele Akazien und nur noch wenige Rinderherden. Wir sind mitten im Gebiet der Hamer. Wie die Mursi, so lebt auch dieser Stamm noch weitgehend ursprünglich. Die Frauen reiben ihre Haut mit Ocker ein. Dazu tragen sie bunten Schmuck und Lederröcke.

Der Campingplatz von Turmi ist unsere letzte Basis in Äthiopien, die kenianische Grenze ist Luftlinie nur noch 50 Kilometer entfernt. Heiß, staubig und afrikanisch ist es hier.


Der Dokumentarfilmer Richard Kress

Die Hamer Frauen reiben sich mit Ocker ein

Zu Fuß besuchen wir den kleinen Markt. Die Hamer kaufen hier Mais, Gemüse, Obst und Tabak. Die meisten sind in traditioneller Kleidung erschienen. Auch hier müssen wir für Portraitaufnahmen einen kleinen Betrag (3 Birr) bezahlen. Wir treffen den Dokumentarfilmer Richard Kress, der mehrere Jahre mit den Naturvölkern gelebt hat. Ich erinnere mich gleich an eine Szene, als er mehrere Einheimische in einem Ringkampf bezwungen hat. Wir können Richard überreden, mit uns einen Drink in einem Lokal zu nehmen. Der sympathische Mann erzählt von seinen Abenteuern ganz alleine inmitten von Wildtieren und fremden Völkern. Bald kommen wir uns als Wohnmobilreisende so richtig spießig vor.

Als wir vom Markt zum Campingplatz zurückkehren, steht der Landrover von Kerry, Matthew und Lhea neben unserem Fahrzeug. Die Familie aus Johannesburg haben wir vor ein paar Wochen in Harar getroffen. Mit ihnen zusammen wollen wir die abenteuerliche Turkanaroute in Kenia befahren.

 

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