Marokko – Süden

10.02.2011 - 10.03.2011

Marokko – Weiter Süden

Unterhalb des Atlasgebirges liegt der grosse, weite Südosten Marokkos. Hier wollen wir die kahlen Berge des Antiatlas und die Wüste Sahara mit ihren Pisten und Sanddünen erkunden. Dabei könnte es durchaus abenteuerlich werden…

Im Antiatlas

Bei Guelmim verlassen wir endgültig den Atlantik und gelangen in die Ausläufer des Antiatlas. Auf kleinen Asphaltstraßen fahren wir über Hügel und Berge und erleben grandiose Ausblicke. Unten in den ausgetrockneten Flusstälern, den Oueds, befinden sich häufig grüne Oasen. Eine davon, die Oase Amtoudi, wollen wir uns genauer ansehen und dort zwei Tage verbringen. Es herrscht dort Frühlingsstimmung mit viel Vogelgezwitscher und blühenden Mandelbäumen. Unter Dattenpalmen wird Getreide und Gemüse angebaut. Möglich macht all dies ein ausgefeiltes Bewässerungssystem. Auf unseren Spaziergängen queren wir immer wieder Wassergräben. Die Leute sind freundlich und bettelnde Kinder selten. Ein sehr angenehmer Ort! Abends, wenn der Ruf des Muezzin ertönt und der hoch über der Stadt thronende Agadir im letzten Sonnenlicht erstrahlt, erleben wir unser orientalisches Märchen.

Amtoudi ist vor allem wegen des gut erhaltenen Agadirs berühmt. Ein Agadir ist eine Art Burg, in der früher Lebensmittel und Wertgegenstände aufbewahrt wurden. Auch diente er dem Schutz der Menschen bei Überfällen. Wir schleichen uns an den Kindern vorbei, die sich als Führer anbiedern, gelangen über einen steilen Zickzackweg hinauf zum Agadir und stehen vor einem verschlossenen Tor. Ist hier überhaupt jemand? Wir klopfen mit dem Eisenring und warten. Kurze Zeit später öffnet sich das Tor und der mit einer Kutte bekleidete Wächter bittet uns herein.
Wir verhandeln den Preis und treten über einen finsteren Gang ins Innere der Burg. Dort erklärt uns die Tochter, leider nur auf französisch, die Bedeutung der Räume und Gegenstände. Ganz oben bei den Zinnen haben wir einen herrlichen Blick auf die Oase und die umliegenden Berge. Amüsant ist es zu beobachten, wie eine kleine Gruppe Touris mit Eseln zum Agadir hochgehievt wird. Da die kleinen Esel etwas störrisch bzw. mit dem Gewicht der Touris überfordert sind, müssen die Treiber kräftig von hinten anschieben.


Besichtigung des Agadirs

Auf der Piste

Bei Amtoudi zweigt eine kleine Piste nach Tafraoute ab. Beim Campingplatz haben wir uns nach dem Zustand erkundigt und erfahren, dass die Route passierbar ist. Wir lassen Luft aus den Reifen und beginnen unser erstes Pistenabenteuer. Auf der völlig einsamen Strecke holpern wir durch herrliche Berglandschaft. Wir durchqueren ausgetrocknete Oueds und klettern steilen Serpentinen auf einen Pass hoch. In einem Dorf winken uns alte Männer und einige Kinder freundlich zu. Ja, so macht das Reisen Spaß, dafür haben wir unser Expeditionsmobil gekauft. Die Piste wäre auch ohne Allrad machbar gewesen, doch das hätten wir uns nicht zugetraut…

Den besonderen Reiz der auf 1000m hoch gelegenen Oase Tafraoute macht die sie umgebende Landschaft aus. Vor allem die Berge mit den bizarren, rötlichen Felsformationen. In einem parkähnlichen Gelände mit Palmen finden wir einen netten Platz, wo wir länger bleiben. Die Gegend ist wie geschaffen für Outdooraktivitäten. Mit den Fahrrädern erkunden wir die umliegenden Berge und radeln durch das Tal der Ammeln (einem Berberstamm). Diese Touren machen nicht nur viel Spaß, wir lernen  Land und Leute intensiver kennen als dies mit dem Wohnmobil möglich wäre. Ziegenhirten und Kinder, die sonst häufig betteln, winken uns nur freundlich zu und lachen.

Fleisch kaufen im Souk

In den marokkanischen Märkten, den Souks, gibt es einen eigenen Bereich, in dem die Metzger Fleisch verkaufen. Ziegen- und Rinderhälften hängen offen in den kleinen Geschäften, häufig von Fliegen umschwirrt. Wer hier Bedenken hat zu kaufen (wir haben bisher keine schlechten Erfahrungen gemacht), dem sei ein frisches Huhn empfohlen:
In einem Käfig gackern mehrere Hühner. Silvia deutet auf eines der Tiere. Der Verkäufer nickt, nimmt das Tier und zack, ab ist der Kopf. Ein wenig muss das Huhn ausbluten, dann wird es in heißes Wasser getaucht und anschließend fliegen in der Rupfmaschine die Federn. Nun wird es noch ausgenommen, gewogen und in eine Plastiktüte gepackt.
Wir bezahlen, gehen nach Hause und schieben das noch warme Huhn in unseren Backofen.

Pistenabenteuer


Camp am Lac Iriki

Ein wenig nervös sind wir schon. Hoffentlich geht das alles gut und die Sandfelder werden nicht zu tief. Auf guter Teerstraße sind wir nach Foum-Zguid gelangt und stehen nun am Anfang der Wüstenpiste, die uns zum Lac Iriki und Erg Chegaga bringen soll. Los geht’s holprig, mit großen Steinen, dann durchqueren wir einige sandige, ausgetrocknete Flussbetten. Noch ist alles kein Problem und im weiteren Verlauf wird die Piste sogar besser. Das erste Camp schlagen wir am Ufer des ausgetrockneten Lac Iriki unter einer Akazie auf. Bei milden Temperaturen sitzen wir abends im Freien und beobachten wilde Esel. Erstaunlich, dass die Herde in dieser kargen Gegend genug zum Fressen findet. In friedlicher Stimmung, bei absoluter Ruhe, erscheint der Mond hinter den Bergen.

Am nächsten Morgen nach einigen Kilometern:

>>Hätte ich das vorher gewusst, so wäre ich die Strecke nicht gefahren, das hätte ich dem Fahrzeug nicht zugetraut!<<

Auf festem Untergrund halten wir an, atmen tief durch und betrachten die uns umgebenden Sanddünen.

>>Wahnsinn, hier sind wir durchgefahren, durch diesen aufgewühlten Sand<<

Immer darauf bedacht, bloß nicht stehen zu bleiben, kurvten wir auf und um die kleinen Dünen. Und dies nicht immer sanft. Hinten in der Kabine herrscht Chaos pur, denn einige Schränke haben sich geöffnet, so dass es auf dem Boden wie nach einer Havarie aussieht. Während Silvia Ordnung schafft und die Schränke mit Isolierband zusätzlich sichert, lasse ich noch mehr Luft aus den Reifen, denn das schlimme Fesch-Fesch Stück soll ja erst noch kommen.

>>Wie fährt es sich mit diesem Laster in der Wüste?<<

fragt uns der Besitzer des Erg Chegaga Biwaks einige Zeit später. Ich antworte wahrheitsgemäß:

>>Recht gut, wir sind nirgends eingesandet<<

Das schlimmste Stück Sand haben wir nun geschafft!
In Siegerstimmung gönnen wir uns heute im Erg Chegaga Biwak ein Abendmenü im Berberzelt.


Verschnaufen auf festem Untergrund

Erg Chegaga

Vorher ist aber noch die Besteigung einer größeren Düne angesagt. Im Nachmittagslicht unternehmen wir den anstrengenden Aufstieg. Oben auf der Düne sitzt ein im Tuareg-Outfit gekleideter Mann. Meditiert er hier oben zum Sonnenuntergang? Nach ein paar freundlichen Worten bestätigen sich meine schlimmen Vermutungen. Der Pseudo-Tuareg bietet uns Souvenirs zum Kauf an. Als dann auch noch sein Handy klingelt, ist die Illusion von der Wüstenwildnis endgültig zerstört. Jetzt sehen wir auch die vielen Touristen-Zeltlager am Fuße der Dünenlandschaft und auf „unsere“ Düne ist auch schon ein Trupp Offroad-Touristen unterwegs.
Am nächsten Tag bei der Querung der Sanddünen vor Mhamid kommt dann so etwas wie Fahrspaß auf, denn nun wir haben Vertrauen in unser Expeditionsmobil gefasst. Von wegen: „Zwillingsreifen sind völlig ungeeignet für den Sand“!

Nach der für uns doch recht aufregenden Piste gönnen wir uns einige ruhige und entspannende Tage in den Oasen Mhamid und Zagora. Sommerliche Temperaturen bis 30° erlauben auch abends einen angenehmen Aufenthalt im Freien.

Unser WoMo muss dringend gewaschen werden, es ist total verdreckt mit Sand und Lehm. Wir fahren zu einer „Afriquia“-Tankstelle, verhandeln den Preis und kurz danach legt der Mann mit seinem Hochdruckreiniger los. Nur einen Moment lassen wir ihn aus den Augen und schon ist es passiert: Er richtet den scharfen Wasserstrahl voll in die Entlüftung unseres Gasflaschenkastens.

>>Weg da!<<

schreien wir, doch es ist zu spät. Das Wasser ist bereits ins Innere gedrungen. Zum Glück erwischt es keine empfindlichen Gegenstände, so dass sich der Schaden in Grenzen hält.

Mit sauberem Fahrzeug erreichen wir Agdz, wo wir die sehr sehenswerte Kasbah Asslim besichtigen. In dem festungsartigen Lehmbau wohnte früher die über diesen Landstrich herrschende Großfamilie. Mit Hilfe der Einnahmen aus dem angeschlossenen Campingplatz, aber auch durch die Unterstützung einer deutschen Universität kann dieser stets (vor allem bei Regen) vom Verfall bedrohte Bau erhalten werden.

Nach einem Aufenthalt in der Dades Schlucht, die uns nicht so beeindruckt hat, sind wir reif für ein weiteres Pistenabenteuer. Wir wollen den Jebel Sarhro im Anti-Atlas über den Tazazert Paß überqueren. Sobald wir weg von der Hauptstrasse sind, wird es biblisch ursprünglich. Im Flusstal gedeiht, durch mühselige Handarbeit ermöglicht, eine karge Saat. Noch häufiger als sonst winken uns die Bauern zu. Deshalb taufen wir die Einwohner dieses Tals „Winkberber„. Die kleine holprige Piste windet sich hinauf auf über 2000m. Da wir nur im Schrittempo fahren können, gelingt es einem etwa sechsjährigen Jungen uns immer wieder einzuholen. Nach jeder Spitzkehre steht er am Pistenrand und bettelt um ein paar Bonbons.
Oben auf dem Tizi Tazaret verbringen wir eine eisige Nacht mit grandioser Aussicht. Obwohl es am Morgen immer noch – 8° hat, ist der Diesel nicht versulzt, der Motor springt an.


Abfahrt vom Tazazert Pass

Kratzer von Akazienbäumen im Seitenfenster

Die Piste wird schlechter. Felstreppen und große Steine stellen unsere Nerven und das Material auf eine harte Probe. Warum tut man sich das alles an? Es ist nicht nur, um in diese überwältigende Gebirgslandschaft zu gelangen und die Ursprünglichkeit der Leute kennenzulernen. Es ist auch die Möglichkeit, ausgetretene Pfade verlassen zu können, die uns befriedigt.

Bei einer Pause kommt ein Berber mit drei Eseln entlang des Weges. Freundlich fragt der Mann:

>>Habt ihr nicht ein wenig Brot?<<

Wir geben ihm einen halben Fladen und eine Mandarine. Er bedankt sich, setzt sich auf einen Stein und beginnt sofort zu essen. Der hat wirklich Hunger, so macht Geben Freude!
Anders bei zwei Jungs, die theatralisch stöhnend einen Felsen aus der Straße rollen. Für diese große Tat wollen sie von uns Geld kassieren. Aber sie sind nicht allzu böse, als sie bemerken, dass wir ihre List durchschaut haben und sie diesmal leer ausgehen.

Über die samtig weiche Teerstraße schweben wir nach Tazzarine. Freunde haben uns empfohlen, von hier aus einen Kamelritt zu Fossilienfundstellen zu unternehmen. Leider ist der Führer aber gerade mit anderen Touristen unterwegs. Deshalb wandern wir einfach mal auf gut Glück zu einem der umliegenden Berge. Und siehe da, wir finden ein paar gut erhaltene Versteinerungen von Orthoceren, einer längst ausgestorbenen Tintenfischart.

Durch schöne Wüstenlandschaft, deutlich ist zu erkennen, dass hier vor Urzeiten Riffe waren, fahren wir zum Erg Chebbi. Hier ist Marokkos zweitgrößtes Sanddünengebiet, das touristisch bestens erschlossen ist. Rings um die Dünen ist eine große Anzahl von Hotels und Campingplätzen entstanden. Trotzdem, die Besteigung einer der Dünen im milden Abendlicht ist den Besuch schon wert.
Am Südende der Ergs, nach der Durchquerung eines kleinen Sandfelds, finden wir einen recht einsamen, ruhigen Platz mit schöner Aussicht. Hier entstehen diese Zeilen, hier ist aber auch ein Wendepunkt dieser Reise, da wir von hier aus den Weg in Richtung Norden antreten werden.

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