Mankei Tour - Ontario
09. Juni - 25. Juni 2005
Kanadische Gastfreundschaft
Über 500 km haben wir heute schon zurückgelegt. Immer noch ist es eben und große Farmen mit Silotürmen dominieren das Bild. Als ich zur Seite schaue, sehe ich einen roten VW Golf aus dem eine Frau eine Tafel mit der Aufschrift "Hello" hält.
Nette Leute denke ich und nicke freundlich. Die Frau kritzelt abermals etwas auf die Tafel: "Visit?"
kann ich lesen. Ich nicke zustimmend, doch wir rätseln: Was wollen die jetzt von uns? Bei der nächsten Ausfahrt verlassen wir den Highway und halten an.
Ein Mann, so um die dreißig Jahre steigt aus und fragt uns: "Wollt ihr uns besuchen, wir wohnen in einem Dorf unweit von hier"?
"Ja gerne", antworte ich.
Wir fahren hinter dem Golf her, der in Pakenham bei einem kleinen Holzhaus hält. Die beiden stellen sich und ihre fünfjährige Tochter vor. Bryde und David laden uns ein, bei ihnen zu bleiben.
Sie zeigen uns ihr Haus, das mich unwillkürlich an Erzählungen von Astrid Lindgren erinnert. Es hat kleine Zimmer, die rustikal und geschmackvoll eingerichtet sind. Stolz zeigt uns David anschließend die kleine Ortschaft. Vorbei am "General Store" und einer Holzmühle führt er uns runter zum Fluss, dessen Wasser erstaunlich warm ist.
Dann werden uns die Nachbarn, ein älteres Ehepaar, vorgestellt. Wir sitzen auf ihrer Terrasse und erzählen über unsere Reisepläne. Spontan wird beschlossen, ein Barbecue zu veranstalten.
Wir steuern etwas von unseren Vorräten bei und schon bald sitzt eine große Runde am Verandatisch.
Es sind noch ein paar Leute aus dem Dorf gekommen, darunter auch eine Frau mit deutschen Vorfahren. Sie spricht zu uns in einem schwäbischen Dialekt mit englischem Akzent. Nach dem Grillen besuchen uns zwei BMW-Motorradfahrer, sowie ein älterer Herr, den sonst auch keiner kennt. Letzterer will unbedingt unser WoMo sehen und bedankt sich überschwänglich, als ich ihm alles erkläre. Ein schöner Abend mit viel Wein geht zu Ende.
Wir bedanken uns für das Angebot im Haus zu übernachten und schlafen in unserem mittlerweile gewohnten Heim, das im Garten parkt.
Die Luft riecht sommerlich und es ist warm als wir aufwachen. Wir gehen runter zum Fluss und springen hinein. Es ist herrlich in dem warmen Wasser zu schwimmen.
Bryde, David und die Tochter kommen zum Frühstücken ins WoMo. Sie bringen einen Milchschäumer sowie einen Metalldetektor als Geschenk mit. Wir revanchieren uns mit einem Schweizer Messer und FC-Bayern Bonbons für die Tochter.
Nach einem weiteren Kaffee im Garten bedanken wir uns nochmals herzlich für die Einladung, die so sicher in Deutschland nie stattgefunden hätte und brechen auf.
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Barbecue bei den Nachbarn von Bryde und Dave
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Ein Bad vor dem Frühstück
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Kanutour im Algonquin Park
Am Tisch unseres Campingplatzes stapeln sich verschiedene Ausrüstungsgegenstände. Alles was wir für eine zweitägige Kanutour benötigen, packen wir in wasserdichte Kisten und Säcke:
Zeltausrüstung, Proviant, ein paar Klamotten, Moskitospray, Fotoausrüstung und viele nützliche Dinge mehr. Wir sind im Algonquin Provincial Park. Dieser wurde bereits Ende des 19. Jahrhunderts zur Schutzzone erklärt, was seine ungewöhnliche Größe erklärt. Wegen der vielen Seen erscheint er uns für den ersten Paddelversuch als besonders geeignet.
Direkt an einem der Seen übernehmen wir ein grünes Kanu.
Als wir mit dem noch leeren Boot am Ufer entlang zum Parkplatz paddeln, ruft uns der Vermieter zu: "Nur zur Info, ihr fahrt verkehrt herum, die Nummer muss hinten sein." Damit haben wir uns als Neulinge geoutet. Macht nichts, bald ist das Kanu beladen und wir gleiten bei drückender Hitze über den See. Schwarze Gewitterwolken mahnen uns zur Vorsicht.
Wir bleiben bevorzugt in der Nähe des Ufers oder bei einer der vielen kleinen Inseln. Rückenwind lässt uns flott vorankommen. Bereits nach drei Stunden beschließen wir, das Camp aufzubauen, denn die Gewitter sind bedrohlich nähergekommen und morgen müssen wir die Rückfahrt evtl. bei Gegenwind antreten. Wir bauen das Zelt und unser Tarp (Sonnensegel) auf. Am Lagerplatz selbst gibt es kein Brennholz. Dies liegt daran, dass man hier nur auf ausgewiesenen Plätzen campen darf und in der Hauptsaison wohl viel los ist. Deshalb paddeln wir in die benachbarte Bucht, in der reichlich trockene Zweige und Stämme vorhanden sind. Kaum sind wir mit dem beladenen Kanu zurück, geht ein Gewitterschauer nieder und wir ziehen uns ins Tarp zurück.
Als der Regen aufhört, entzünden wir ein Lagerfeuer und brutzeln die mitgebrachten Steaks. Lange sitze ich vor dem Feuer, lausche dem Froschgequake und einem fernen Gewitter. Direkt neben dem Zelt hoppelt ein Hase langsam vorbei.
Nach dem Aufstehen erfrischen wir uns im See. Jetzt am Morgen erscheint das Wasser doch kalt, doch tapfer stürzen wir uns in die Fluten.
Wir frühstücken, brechen das Lager ab und treten die Rückfahrt an. Ganz so flott wie gestern kommen wir wegen des Gegenwinds nicht voran. Dafür ist es kühler und der Himmel bedeckt. Freude macht uns das ruhige Dahingleiten trotzdem. Nach nur einer Pause sind wir am Ausgangspunkt, laden das Gepäck ins WoMo um und geben das Kanu zurück. Es mag komisch klingen, aber wir sind wieder zu Hause angekommen.
Die großen Seen
Wenn man auf einem Atlas den nordamerikanischen Kontinent betrachtet, so fallen drei riesige Seen auf. Zwei von ihnen, der Lake Huron und der Lake Superior begleiten uns eine Woche.
Tausend Kilometer legen wir an ihren Ufern zurück. Der Lake Superior ist der weltweit größte Süßwassersee. Seine Wasser machen zehn Prozent der globalen Reserven aus.
Kurz vor dem Gate zum Pukaskwa National Park fahren wir einer aufgegebenen Asphaltstrasse bis zu einem alten Handelsposten. Außer ein paar Holzgestellen und Fundamenten ist nicht mehr viel erhalten. Da es angenehm ruhig ist, beschließen gleich hier zu übernachten. Um halb zehn Abends beginnt die Sonne unterzugehen. Wir sitzen drinnen uns spielen Canasta. Schwärme von Moskitos umschwirren währenddessen unser Fahrzeug. Vor Reiseantritt dachten wir, dass wir viel im Freien zu sitzen. Jetzt stellen wir fest, dass dies eher selten ist. Vor allem wegen der oft überaus lästigen Insekten verbringen wir viel Zeit in der Sitzecke unseres WoMo's (ist aber auch recht gemütlich).
"Ich glaub es nicht, das kann nicht sein!", staunt Silvia am folgenden Morgen.
Verwundert schaue ich aus dem Heckfenster. Ein stattlicher Schwarzbär trottet gemächlich den Weg entlang, auf dem ich vor ein paar Minuten noch selber unterwegs war.
Unweit vor unserem MoMo biegt er ab und verschwindet im Gebüsch.
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Lagerplatz mit Blick aus dem Heckfenster (Schwarzbär)
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Pukaskwa National Park:
Über der Dachluke ist blauer Himmel zu sehen, durch die Seitenfenster das frische Grün der Blätter und Fichtennadeln. Ohne Worte verständigen wir uns: Bei diesem Wetter ist es zu schade um weiterzufahren, wir unternehmen eine Wanderung. Eine Stunde später befinden wir uns auf dem Coastal Trail.
Der Pfad führt überwiegend durch herrlichen Mischwald, durch den die Sonne scheint. Es weht ein frischer Wind, der die Mücken vertreibt. In einem offenen Sumpfgebiet, an einem kleinen Tümpel verweilen wir etwas länger. Es wachsen dort viele der Pflanzen, die auch in unserem heimischen Teich in Deutschland gedeihen. Unser Tagesziel, eine Hängebrücke, erreichen wir nach über sieben Kilometern. Vorsichtig schiele ich nach unten, als ich auf der heftig schwankende Brücke balanciere.
Ich vermeide es, direkt auf die tosenden Wasserfälle unter mir zu blicken.
Ein wunderbarer Platz unsere Sandwiches zu verzehren, bevor wir den Heimweg antreten.
Die kalten Wasser des Lake Superior beeinflussen das Klima dieses Landschaftsabschnitts. Nur ein Stück im Landesinneren steigt die Temperatur schlagartig von unter zwanzig auf über dreißig Grad.
An einem Nachmittag biegen wir in eine kleine Schotterstrasse ein, denn wir wollen einen Übernachtungsplatz finden. Nach ein paar Metern begrüßt uns ein großes Schild : "Camping für Nicht-Kanadier nur mit Genehmigung möglich." Verwundert kehren wir wieder um und fragen an einer nahen Tankstelle nach einer derartigen Genehmigung. Die Frau erklärt uns, dass es sich hier um eine allgemeine Regelung handelt: Alle Ausländer benötigen ein Permit, um irgendwo im "Busch" campen zu dürfen.
Bei der Ausstellung der Genehmigung ist das genaue Datum des Aufenthalts zu nennen. Der Preis ist fast genau so hoch, wie die Gebühr auf einem Campingplatz. Dies ärgert uns. Da hätten wir uns Kanada schon freier vorgestellt! Wir hoffen dass derartige Regelungen auf die Provinz Ontario beschränkt sind, ansonsten werden wir diese wohl ignorieren müssen. Für heute fahren wir in den Sleeping Giants Provincial Park. Direkt neben der Strasse entdecken wir einen Schwarzbären.
Ideal zum Filmen und Fotografieren. Als er unsere Witterung aufnimmt und immer näher kommt, folge ich dem Rat von Silvia und kurble das Fenster hoch.
Thunderbay
ist eine Stadt mit etwas über 100.000 Einwohnern. Hier geht es beschaulich zu, der Verkehr fließt ruhig. Unser Hauptziel hier ist das historische Fort William.
Es wurde vor einigen Jahren komplett neu aufgebaut und wirkt sehr authentisch, mit vielen liebevollen Details. Kostümierte Darsteller gestalten alles lebendig und erklären die historischen Hintergründe. Wir schließen uns einer kleinen Gruppe an. Unser Führer erklärt, dass die Währungseinheit für Indianer und Trapper das Biberfell war.
So kostete z. B. eine Wolldecke 12-15 Biberfelle. Im "Indian Store" wurden auf dieser Basis Kleidung, Fallen, Gewehre und sonstige Ausrüstungs- gegenstände angeboten.
Im Bauernhof werde ich von Ferkeln begrüßt, die mich an den Beinen "anferkeln". Gut dass es auf der Toilette Tücher zum Reinigen gibt.
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Historisches Fort William
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Das Fort William hat uns sehr gut gefallen. Den Nachmittag verbringen wir in verschiedenen Shoppingzentren, wo wir einiges Nützliche einkaufen. Insbesondere versorgen wir uns mit Lebensmitteln für eine geplante Kanutour. Dies gestaltet sich gar nicht so einfach, weil in den Parks Konservendosen verboten sind. Die Zeit vergeht wie im Fluge, so dass es relativ spät ist, bis wir am Wal-Mart Parkplatz endgültig zum Übernachtung stoppen.
Es ist unterhaltsam zu beobachten, wie sehr sich die Leute für unser Fahrzeug interessieren.
"Where are you from?" ruft einer durch das offene Fenster.
Es ist sehr heiß. Doch dann dreht der Wind, er bläst nun vom See her. Binnen Minuten sinkt die Temperatur um 15 Grad ab.
Unwetter im Quetico Park
Den Lake Superior haben wir hinter uns gelassen. Jetzt befinden wir uns inmitten tausender kleiner Seen.
Diese Gewässer sind teilweise durch Flüsse und Kanäle miteinander verbunden. Die Landschaft ist hügelig mit Felsen, die in der letzten Eiszeit blankgeschliffen wurden. Wegen ihrer Wildnis und Einsamkeit ideal für die nächstes Kanuabenteuer ist. Vor den Toren des Quetico Parks mieten wir ein Boot.
Das Kanu liegt an der vereinbarten Stelle bereit.
Wir tragen es runter zum See und beginnen dort mit der Beladung. Beim Aufstehen war es noch wolkig gewesen, doch jetzt brennt die Sonne heiß.
Dank GPS finden wir den Verbindungsfluss, über den wir den French Lake verlassen wollen, problemlos. Seerosen und Schilf wuchern überall. Unser Boot gleitet ruhig durch dieses Gewässer, bis wenig später der Blick auf den Lake Pikerel frei wird. Dort treffen wir auf Gegenwind, der das Vorankommen mehr und mehr erschwert.
"Es würde mich nicht wundern, wenn es heute noch ein Gewitter gibt!" stöhnt Silvia in der Hitze.
Auf einer bewaldeten Insel finden wir einen luftigen Platz für unser Zelt.
Das Thermometer zeigt jetzt um fünf Uhr Nachmittags noch immer über 36 Grad im Schatten. Das soll Kanada sein? Wie gut, dass es nicht weit zum erfrischende Nass ist! Dann brennt das Lagerfeuer und wir grillen Steaks. Unser Gepäck haben wir vorher wasserdicht verpackt, denn der Himmel wirkt bleiern und es regnet einige Tropfen.
In der Ferne ist Donnergrollen zu hören. Bei einem letzten Bad im See beobachte ich Blitze am gegenüberliegenden Ufer.
Es ist beinahe dunkel, als wir im Zelt liegen. Dann hören wir ein seltsames Grummeln.
"Klingt wie eine Gewitterwalze", interpretiere ich dieses Geräusch. "Wie eine Mischung aus Sturm und Donner".
Plötzlich, von einer Sekunde auf die andere, erfasst uns das Unwetter. Unser Zelt wird vom heftigen Sturm auf die Hälfte zusammengedrückt.
Instinktiv halten wir das Gestänge von innen fest und drücken uns gegen den Wind.
Als ich aus der Luke ins Freie blicke, sehe ich Funken waagrecht fliegen. "Bloß keinen Waldbrand", bange ich. Die Böen schleudern unaufhörlich Glut aus der Feuerstelle.
Irgend etwas prasselt heftig gegen die Zeltwand. Sind es Regentropfen oder Glutstückchen? Nach drei oder vier Minuten ebbt das Brausen ab. Es blitzt und donnert heftig. Das Zelt hat gehalten. Ich gehe nach draußen und begutachte die Schäden. Die Gefahr eines Waldbrandes scheint gebannt, da der Regen die Glut gelöscht hat. Am Zelt spanne ich ein paar lose Leinen nach und befestige herausgerissene Heringe. Das Boot wurde durch den Orkan umgedreht, doch die Paddel sind noch da.
Wir liegen noch lange wach, hören wie das Donnern leiser wird. Ein Frosch quakt in langen, aber regelmäßigen Abständen. Wir haben wieder etwas über Zeltaufbau und Lagerfeuer gelernt.
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Lagerfeuer vor dem Gewitter
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Bäume nach dem Gewitter
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Die Nacht ist ruhig geblieben. Die Luft ist nach dem Gewitter klar und kühl. Es weht ein steifer Wind.
Beim Frühstück mit Ei und Speck beschließen wir, das Camp heute nicht abzubauen. Ohne Gepäck wollen wir in die Nachbarbuchten paddeln. Das erscheint uns auch sicherer, da weiter draußen die Wellen Schaumkronen tragen. Wenig später versuchen wir gegen den Wind zu paddeln und sehen ein: "Da ist nichts zu machen!"
Wir kommen keinen Meter voran. Deshalb beschränken wir uns auf eine Runde in unserer geschützten Bucht und relaxen den Rest des Tages und haben Zeit für Naturbeobachtungen.
Ein Seeadler stürzt Richtung Wasseroberfläche und fängt einen Fisch, der so groß ist, dass er ihn nur mit Mühe zum nächsten Baum transportieren kann. Der durchdringender Schrei des Loon ist viele Kilometer weit zu hören. Dieser hier typische, entenartige Wasservogel kommt uns auch besuchen.
Am dritten Tag nehmen wir Kurs auf den Ausgangspunkt. Diesmal freundlicherweise mit Rückenwind. |
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